03. Mai 2013

Psychosoziale Risiken in Unternehmen im internationalen Vergleich

Im Artikel Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz im Ländervergleich wurde bereits auf die von der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA) durchgeführte europaweite Unternehmensumfrage (European Survey of Enterprises on New and Emerging Risks, ESENER) zum Thema Sicherheit und Gesundheitsschutz sowie Gesundheit und Wohlbefinden der Mitarbeiter eingegangen.

Im Fokus der Umfrage standen neue und aufkommende Risiken sowie deren Management. Psychosoziale Risiken wie arbeitsbedingter Stress, Gewalt oder Belästigung bilden einen besonderen Schwerpunkt der Studie. Die länderübergreifenden Ergebnisse sollen Bewusstsein für die Thematik schaffen und politischen Entscheidungsträgern bei der Gestaltung und Umsetzung neuer politischer Strategien behilflich sein.

In diesem Artikel werden insbesondere die Aspekte der psychosozialen Risiken detailliert herausgearbeitet.

 

Psychosoziale Risiken

Die Arbeitswelt ist keineswegs statisch und so bringen tiefgreifende Veränderungen oft neue psychosoziale Risiken mit sich. Solche Risiken sind geneigt, das Stressniveau zu erhöhen und die psychische sowie physische Gesundheit der Arbeitnehmer zu gefährden.

Die ESENER Umfrage hat die Faktoren, die zu psychosozialen Risiken beitragen, identifiziert, den Umgang insbesondere mit arbeitsbedingtem Stress, Gewalt und Mobbing untersucht, sowie Anreize und Hemmnisse mit der Beschäftigung derselben herausgefunden.

Mehr als die Hälfte (52%) der befragten Manager sehen im Faktor „Zeitdruck“ das Hauptproblem für psychosoziale Probleme. Vor allem in größeren Betrieben sowie in der Immobilienbranche (61%) liegen die Werte über dem Durchschnitt. Generell kann man sagen, dass dieser Faktor besonders im skandinavischen Raum als problematisch wahrgenommen wird, wobei Schweden den negativen Spitzenwert von 80% erreicht. In Italien (31%), Ungarn (37%) und Lettland (41%) wird Zeitdruck seltener als Problem betrachtet. Jeder zweite befragte Manager sieht in dem „Umgang mit schwierigen Kunden, Patienten, Schülern usw.“ ein großes Risikopotenzial, gefolgt von „Schlechte Kommunikation zwischen Management und Beschäftigten“ mit knapp unter 30%.

In den 27 EU-Ländern gaben 30% der Betriebe an, Verfahren für den Umgang mit Mobbing oder Belästigung implementiert zu haben, in jeweils 26% sind Verfahren für den Umgang mit arbeitsbedingter Gewalt und arbeitsbedingtem Stress vorhanden. Besonders im Branchenvergleich existieren hierbei Unterschiede. So sind häufiger im Gesundheits-, Sozial- und Bildungswesen und im Kredit- und Versicherungsgewerbe spezielle Verfahren vorzufinden. Diese Ergebnisse könnten mit einem erhöhten Bewusstseinsniveau korrelieren, denn besonders die Mitarbeiter im Gesundheits- und Sozialwesen (69%) werden neben den Bergbauarbeitern (71%) am häufigsten über psychosoziale Risiken und deren Folgen informiert. Damit liegen die Ergebnisse weit höher als der EU-weite Durchschnitt von 53%. Über zwei Drittel (69%) der Betriebe informieren ihre Mitarbeiter darüber, an wen sie sich im Falle arbeitsbedingter psychosozialer Probleme wenden können. Wiederum ist dieser Wert besonders im Gesundheits- und Sozialwesen mit 83% überdurchschnittlich hoch. Aber auch länderspezifisch sind durchaus Unterschiede erkennbar, was das Vorhandensein von Verfahren zum Umgang mit psychosozialen Risiken bei der Arbeit betrifft. Weit über dem EU-Durchschnitt liegen beispielsweise die Länder Irland, das Vereinigte Königreich oder Schweden, während südeuropäische Länder eher unterdurchschnittliche Ergebnisse erzielen. In Österreich (im Ranking auf Platz 29 von 33) besteht hier noch Aufholbedarf.

Als die häufigste ergriffene Maßnahme wird „Angebot von Weiterbildungsmaßnahmen“ (58%) genannt, gefolgt von „Veränderungen in der Arbeitsorganisation“ mit 40%. Knapp ein Drittel offeriert „vertrauliche Beratung der Beschäftigten“. „Einrichtung eines Verfahrens zur Konfliktlösung“ bietet knapp ein Fünftel der befragten Arbeitgeber ihren Mitarbeitern an.

 

Motive für die Beschäftigung mit psychosozialen Risiken

Betriebe, die Verfahren und Maßnahmen zum Umgang mit psychosozialen Risiken anbieten, geben als Hauptgrund die „Erfüllung gesetzlicher Pflichten“ an. Dieser Grund wird vor allem von spanischen (85%), irischen (78%) und bulgarischen (77%) Betrieben genannt, während griechische (30%) oder slowakische (33%) Betriebe in diesem Punkt weit unter dem EU-27-Durchschnitt von 63% liegen. Mit 36% der abgegebenen Stimmen recht weit abgeschlagen, aber nichtsdestotrotz zweithäufigster Grund für die Beschäftigung mit psychosozialen Risiken stellt die „Forderung der Beschäftigten oder ihren Vertreter“ dar. Dieser Punkt ist besonders in großen Betrieben häufiger ein Motiv und der wichtigste Grund im Gesundheits- und Sozialwesen (49%). Betriebe in Italien (20%), Slowenien (20%) und Kroatien (23%) lässt dieses Argument eher kalt, während die Länder mit den höchsten Angaben Finnland (63%), Schweden (59%) und Dänemark (58%) darstellen.

Erschwernisse im Umgang mit psychosozialen Risiken

Vorweg lässt sich sagen, dass 42% der Arbeitgeber den Umgang mit psychosozialen Risiken im Vergleich zu anderen Angelegenheiten im Bereich Sicherheit und Gesundheitsschutz als schwieriger empfinden. Erstaunlicherweise fällt dieser Wert bei großen Betrieben mit über 500 Beschäftigten weit höher aus als bei kleinen Unternehmen. Für mehr als die Hälfte der befragten Arbeitgeber erschwert die „Bedeutung des Themas“ den Umgang mit psychosozialen Risiken. Besonders türkische  (76%) oder dänische (68%) Betriebe sehen sich dadurch gehemmt. Österreich ist in diesem Bereich top – nur 18% geben diesen Grund an. Jeder Zweite macht „fehlendes Bewusstsein“, aber auch „fehlende Ressourcen wie Zeit, Personal oder Mittel“ (49%) für den erschwerten Umgang verantwortlich. Auch in dem Bereich der fehlenden Ressourcen liegt Österreich mit 35% unter EU-27-Durchschnitt (49%). Branchenmäßig kann festgehalten werden, dass im Bildungswesen mit 61% besonders das Fehlen der benötigten Ressourcen das größte Hemmnis darstellt, während der gleiche Prozentsatz der Befragten im Kredit- und Versicherungsgewerbe das fehlende Bewusstsein problematisieren.

 

Resümee

Die Arbeitswelt befindet sich in einer ständigen Entwicklung, Arbeitsplätze und -praktiken als auch Produktionsprozesse wandeln sich unaufhörlich. Es bedarf einer kontinuierlichen Beschäftigung mit Sicherheits- und Gesundheitsschutzfragen, um ein hohes Maß an Sicherheit beständig gewährleisten zu können. Psychosoziale Probleme nehmen an Bedeutung zu, ein ausgereiftes Management oder formelle Verfahren scheinen jedoch nur in wenigen Ländern fest etabliert zu sein. Die gesetzten Maßnahmen in diesem Bereich sind vor allem bildender Natur und umfassen hauptsächlich das Angebot an Weiterbildungsmaßnahmen oder die Einführung von Veränderung in der Arbeitsorganisation. Nur rund die Hälfte der befragten Betriebe informieren ihre Arbeitnehmer über psychosoziale Risiken und deren Auswirkungen. Die meisten Betriebe beschäftigen sich mit Sicherheit und Gesundheitsschutz besonders deshalb, weil sie sich durch die Erfüllung rechtlicher Pflichten dazu verpflichtet sehen oder die Beschäftigten es wünschen. Jene Betriebe, die sich nicht mit der Thematik beschäftigen, sehen meist nicht die Notwendigkeit oder es fehlt am nötigen Fachwissen. Die Einbindung der Mitarbeiter und besonders auch ihrer Vorgesetzten ist von immenser Bedeutung für ein erfolgreiches Management im Bereich der Sicherheit und Gesundheitsschutz.

Autor

Team

Herr DI Axel Dick, MSc

Prokurist Business Development Umwelt und Energie, CSR

Autor

Team

Herr Eckehard Bauer, MSc

Prokurist Business Development für Sicherheitsmanagement, Business Continuity, Risiko, Security, Compliance und Transport

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