07. Apr 2020

Trendlandkarte als Ergebnis

Qualität 2030 – was steckt dahinter?

Quality Austria, Wissenschaftler des Stiftungsinstitut für Integrierte Qualitätsgestaltung, Experten und Visionäre aus verschiedensten heimischen Organisationen starteten im Juni 2018 ihre gemeinsame Expedition in die Zukunft. Das Ziel: Die Entwicklungen, die auf zukünftige Qualitätsanforderungen (Qualität 2030) Einfluss nehmen, zu identifizieren und kritisch zu durchleuchten, sowie mögliche Umgangsweisen mit diesen Entwicklungen seitens betroffener Organisationen zu eruieren.

In diese Zukunft beförderte die Teilnehmer das Projekt "Qualität 2030", welches im Auftrag der Quality Austria vom Stiftungsinstitut für Integrierte Qualitätsgestaltung (IQD) der Johannes Kepler Universität Linz (JKU) durchgeführt wurde. Das Stiftungsinstitut wurde gegründet, um die strategische Entwicklung der Quality Austria zu unterstützen, und so wurden seit 2015 in diesem Rahmen bereits umfassende Projekte zu Trends in den Bereichen Digitalisierung über die gesamte Wertschöpfungskette (Projekt „Geschäftsmodelle zur Erweiterung von Industrie 4.0 auf den gesamten Produktlebenszyklus“), neue Qualitätsansätze in der Kreislaufwirtschaft (Projekt „Cradle to Cradle Innovationsprozesse“) und die Entwicklung neuer Qualitätsdienstleistungen (z. B. Wiederaufbereitung) im Rahmen eines Reallabors (Projekt „Innovationsverbund Nachhaltige Smartphones“) durchgeführt.

Im neuen Projekt „Qualität 2030“ wurde statt der Fokussierung einer einzelnen Entwicklungslinie ein breiter und integrativerer Ansatz gewählt, um relevante Entwicklungslinien insgesamt zu betrachten und einzuordnen. Dazu wurde auch ein interdisziplinäres Projektteam aus Vertretern der Gesellschafter der Quality Austria (Ass.-Prof. Dr. Christian Schweiger, Dr. Franz-Peter Walder), aus dem Management-Team der Quality Austria (Dr. Anni Koubek, DI Axel Dick), sowie aus den beiden JKU-Instituten für Integrierte Qualitätsgestaltung (Prof. Dr. Erik Hansen, Dr. Melanie Wiener) und für Strategisches Management (Assoz. Univ.-Prof. Regina Gattringer) gebildet. „Qualität und die Zukunft von Qualität ist für uns ein Kernanliegen“, sagt Dr. Anni Koubek, Innovationsmanagerin und Prokuristin der Quality Austria. „Wir von der Quality Austria stehen für Qualität und für Integrierte Managementsysteme. Das ist unsere Mission und unser Kernanliegen als Unternehmen, und daher war es für uns ganz wesentlich, hier herauszufinden: was heißt Qualität im Jahr 2030. Und das nicht nur aus uns selbst heraus, sondern gemeinsam mit anderen Unternehmen.“ Christian Schweiger ergänzt: „Unternehmen werden sehr viele subjektive Bedürfnisse betreffend Qualität zu erfüllen haben. Qualität wird von verschiedenen Personen sehr unterschiedlich wahrgenommen, und ein Unternehmen braucht möglichst standardisierbare Prozesse – das wird ein großes Spannungsfeld für die Unternehmen sein.

Statt einem klassischen, empirischen Forschungsansatz wurde ein neuartiger "Open Foresight"-Ansatz verfolgt. Im Unterschied zu bisher seitens des IQD durchgeführten wertschöpfungsketten-spezifischen Reallaboren (z.B. Elektronikprodukte), steht dabei der offene Ideenaustausch zwischen teilnehmenden Unternehmen aus ganz unterschiedlichen Branchen im Zentrum: AVL LIST, BWT, Erdal, Infineon, die Geriatrischen Gesundheitszentren der Stadt Graz, Grüne Erde, KEBA, Kreisel Systems, Lenzing, TGW. Diese Unternehmen wurden seitens der Quality Austria aufgrund ausgewiesener Exzellenz herangezogen (z. B. Staatspreis Unternehmensqualität), aufgrund von zukunftsweisenden Qualitätspraktiken aus dem Pool bestehender Kooperationspartner des IQD ausgewählt (z. B. Cradle to Cradle Zertifizierung), oder spezifisch für das Projekt Qualität 2030 ergänzt. Franz-Peter Walder, Mitglied des Boards der Quality Austria, betont, dass „Unternehmen, die bereits in der Vergangenheit für ihre umfassende Unternehmensqualität ausgezeichnet wurden, wie es die Staatspreis-Träger sind, einen wichtigen Beitrag für den Blick in die Zukunft des Jahres 2030 leisten können“. Auch wichtig für den Blick in die Zukunft waren Unternehmen, die ihren Blick weit über die eigenen Organisationsgrenzen hinaus werfen, da bei der abzusehenden Transformation des bisherigen linearen Wirtschaftssystems in eine Kreislaufwirtschaft die Qualität zunehmend wertschöpfungskettenübergreifend gestaltet werden muss, so DI Axel Dick, Prokurist der Quality Austria.

So unterschiedlich die teilnehmenden Organisationen also auch waren – sie hatten eine Gemeinsamkeit: Qualitätsführerschaft in ihrem jeweiligen Bereich. „Auf den ersten Blick denkt man sich vielleicht: die Unternehmen sind so unterschiedlich. Macht das überhaupt einen Sinn? Aber diese Trends und Entwicklungen sind branchenübergreifen. Im B2B Bereich sind beispielsweise die Unternehmen oft viel weiter was Digitalisierung angeht, haben Erfahrung mit digitalen Zwillingen. Auf der anderen Seite sind B2C Unternehmen weiter was nachhaltige Lösungen angeht. Durch den Druck der Konsumenten sind sie gezwungen umweltfreundliche Lösungen zu entwickeln. Und so kann man sich austauschen und voneinander lernen", erläuterte MMag. Dr. Melanie Wiener, MBA, die am Institut für Integrierte Qualitätsgestaltung die Projektleitung wahrgenommen hat, den neuartigen „Open-Foresight“-Ansatz der Studie. Regina Gattringer, die als Expertin für Open Foresight Prozesse am Projekt beteiligt war, ergänzt, dass „diese hohe Heterogenität der Teilnehmer besondere Kreativitätspotentiale, aber auch Herausforderungen im Prozessmanagement birgt.“

Das Projekt „Qualität 2030“ im Detail

Open Foresight stellt einen kollaborativen Ansatz dar, bei dem Zukunftswissen gemeinsam von Unternehmen beziehungsweise Stakeholdern entwickelt wird. Durch den im Foresight-Prozess vorgesehenen Austausch mit Teilnehmern außerhalb der eigenen Organisationsgrenzen, werden nicht nur andere Sichtweisen und zusätzliches Know-how miteinbezogen, sondern auch bestehende Konzepte, Annahmen und Denkmodelle (beispielsweise über Entwicklungen des externen Kontexts oder zukünftige Kundenbedürfnisse) hinterfragt und out-of-the-box Denken forciert. Zentrale Fragen, denen im Qualität 2030 Projekt nachgegangen wurde, waren: Wie entwickelt sich Qualität in einer digitalen Welt? Welche Auswirkungen haben die Transformation unseres Wirtschaftssystems in eine Kreislaufwirtschaft (Circular Economy) auf das Qualitätsverständnis? Wie können Organisationen effektiver und schneller auf diese und andere neuen Herausforderungen reagieren (Stichwort Agilität)? Und was bedeuten diese neuen Entwicklungen für das Qualitätsmanagement und die Qualitätsgestaltung?

Erkenntnisse die in die Studie Qualität 2030 eingeflossen sind

Neben sechs Open Foresight Workshops wurden 21 Interviews mit Fachexperten und Zukunftsforschern durchgeführt und zahlreiche Trendreports analysiert. Zudem wurden in den teilnehmenden Unternehmen zu drei Zeitpunkten (Projektbeginn – während des Projekts – nach Projektende) mit den TeilnehmerInnen Interviews (in Summe 63 Interviews) durchgeführt, um die aktuellen Erkenntnisse und Einschätzungen über zukünftige Entwicklungen und Trends kritisch zu reflektieren. Inspiriert von der sogenannten Delphi-Methode, in der über wiederkehrende Befragung von Experten Einschätzungen quantifiziert werden, wurde im Projekt Qualität 2030 in qualitativen Interviews die Befragten auch mit Antworten und Einschätzungen anderer (inkl. Trendreports und Expertenmeinungen) konfrontiert, um eine möglichst reflektierte und begründete Einschätzung über Zukunftsentwicklungen zu erlangen.

Abbildung 1: Überblick Studie Qualität 2030

Die Erkenntnisse – Trendlandkarte Qualität 2030

Das Ergebnis aus Open Foresight Workshops, Keynote Speeches, Trendreports und qualitativer Befragung ist die in Abbildung 2 dargestellte Trendlandkarte „Qualität 2030“ und, darauf basierend, Tiefenanalysen in acht Subthemen. Zusammenfassend zeigt sich, dass mit zunehmendem Wohlstand auch die Anforderungen an Produkte und Dienstleistungen einem Wandel unterliegen. Im Bereich der Qualitätsgestaltung ergeben sich in diesem Zusammenhang neue Herausforderungen. „Es gibt eine klare Trend-Entwicklung vom ‚Small-Q‘, bei dem es nur darum geht, ob alle Produktanforderungen erfüllt sind, hin zu einem ‚Big-Q‘. Das bedeutet, dass der Qualitätsbegriff immer breiter wird“, analysiert Wiener. Dies hat auch zur Folge, so Prof. Erik Hansen, Vorstand des Instituts für Integrierte Qualitätsgestaltung und akademischer Leiter der Studie, dass Unternehmen, die auch in Zukunft erfolgreich sein wollen, Qualität nicht am Kunden alleine, sondern an den relevanten Anspruchsgruppen (Stakeholdern) auszurichten haben.

Die Kunden selbst legen beispielsweise immer mehr Wert darauf, welche Werte und welchen Sinn ein Unternehmen vertritt. Vertrauen, Transparenz und andere Faktoren fließen zunehmend in das Qualitätsverständnis mit ein.

Abbildung 2: Trendlandkarte „Qualität 2030“

Die hohe Nachfrage nach standardisierten Massenprodukten der vergangenen Jahrzehnte weicht immer stärker einem Verlangen nach möglichst individualisierten Produkten. Unterstützt wird dieses Abwenden von Massenprodukten durch ein steigendes Bewusstsein für ökologische, ethische und soziale Fragen. In diesem Zusammenhang stellt die Nachhaltigkeit von Produkten durch die soziale und ökologische Optimierung des Lebenswegs einen Faktor steigender Bedeutung für die Kaufentscheidung dar. Seitens der Kunden steigt das Bedürfnis nach einer transparenten, offenen und vertrauenswürdigen Informationspolitik über die gesamte Wertschöpfungskette. Hier können neue Technologien wie beispielsweise Blockchains als „Transparency und Traceability Enabler“ unterstützend eingesetzt werden, jedoch führen diese auch zu einem weiteren Anstieg der Datensammlung und damit verbundenen zu datenschutzrechtlichen Fragestellungen.

Dies sind nur einige der jetzt bereits erkennbaren und bereits eingetretenen Entwicklungen. „Trends haben immer eine gewisse Vorlaufzeit. Wenn sich ein neuer Trend abzeichnet, und man ist nicht dafür gerüstet, braucht man Zeit, um seine Kompetenzen aufzubauen“, mahnt die Expertin Melanie Wiener. Die proaktive Beschäftigung mit Zukunftstrends weist im Gegenzug das Potential einer Aufwertung der Qualitätsfunktion in Unternehmen auf, so Prof. Erik Hansen, denn „wenn Qualitätsmanager vorausschauend neue Zukunftsentwicklungen aufgreifen und in Ihren Unternehmen entwickeln, können sie auch stärker als zuvor die Innovationskraft und strategische Entwicklung ihres Unternehmens unterstützen“.

Autoren

Univ.-Prof. Dr. Erik G. Hansen

Head of Institute for Integrated Quality Design (IQD) der JKU Linz
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Mag. Dr. Anni Koubek

Prokuristin Innovation, Business Development  Zertifizierung Qualität, Quality Austria
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MMag. Dr. Melanie Wiener, MBA

qualityaustria Netzwerkpartnerin, Produktexpertin NQR
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