06. Jan 2015

Nutzenstiftend oder neue Bürde?

CSR – Bewertung von gesellschaftlicher Verantwortung

Gesellschaftliche Verantwortung (CSR) ist seit einiger Zeit zunehmend ein aktuelles Thema. So verpflichten z.B. Handelsketten und Markenartikler ihre Lieferanten zur Einhaltung von entsprechenden Regulativen. Neue Labels, die auch soziale Verantwortung als Kernaussage benutzen, wurden gegründet, die ISO 26000 wurde Ende 2010 und die zugehörige österreichische ONR 192500 im Januar 2011 verabschiedet. Derzeit sind im europäischen bzw. internationalen Markt die unterschiedlichsten Standards / Leitlinien ge(er)wünscht. 

"Das CSR Einkaufswagerl"

Die Herausforderung des Unternehmers besteht in der Auswahl der passenden Bewertung, um einerseits den Markt-/Kundenforderungen Genüge zu tun und die zu erfüllenden Vorgaben in das bestehende Managementsystem sinnvoll und nutzenstiftend einweben zu können.

 

Das CSR 3-Säulen Modell

Ökonomie - Ökologie - Soziales

Unternehmen bekennen sich zur Verantwortung gegenüber den eigenen Mitarbeitern, den Kunden, Lieferanten und der ökologischen und sozialen Umwelt. Die Erfüllung der gesetzlichen/behördlichen Vorgaben stellt die Basis für alle CSR- Aktivitäten dar, denn es bedeutet immer „über die gesetzlichen Vorgaben hinaus“.

Durch neue Erkenntnisse und Innovationen in den Bereichen Technologie und Management sind Unternehmen gefordert, mit Blick auf die Auswirkungen auf die Umwelt, auf die Menschen und die Wirtschaft neue Lösungen für ihre Geschäftsprozesse, ihre Produkte und ihre Dienstleistungen zu finden. Gesellschaftliche Verantwortung verlangt nach neuen Denkweisen und innovativen Lösungen, zumal unsere Ressourcen begrenzt sind. Darin liegt eine der größten derzeitigen Herausforderungen. Viele Anspruchsgruppen interessieren sich für den Beitrag, den Unternehmen leisten, und erwarten Transparenz. Hierfür sind anerkannte Regelwerke für nachvollziehbare, verlässliche Vergleichbarkeit mit einheitlicher Terminologie und allenfalls gewünschter Bewertung ein hilfreiches Werkzeug:

Regelwerke und Plattformen:

  • Unternehmenskodizes – codes of conduct
  • Branchenkodizes
  • Branchenunabhängige Leitlinien, Standards, Normen
  • Plattformen, Programme, Preis

Anerkannte Regelwerke:

  • SA 8000:2008
  • Nachhaltigkeitsbericht nach GRI 3.0, 3.1, 4.0
  • ISO 26000
  • ONR 192500
  • SR 10
  • Audit Beruf und Familie
  • PEFC und FSC
  • SEDEX mit SMETA
  • GRASP
  • EICC
  • UN Global compact
  • BSCI
  • ISO 14000 und EMAS
  • OECD Grundsätze
  • EFQM CSR
  • Österr Corp. Gov. Kodex
  • Etc.

SA 8000 Social Accountability

Die wesentlichen Merkmale der SA 8000 sind die Sicherstellung fairer Arbeitsbedingungen entlang der Lieferkette - supply chain, die Einhaltung der sozialen Mindeststandards in den Produktionsstandorten der zertifizierten Unternehmen und faire Arbeitsbedingungen für Arbeiter – „blue-people“.

Es wird nur die CSR-Säule „Soziales“ berücksichtigt.

Die Vorgaben der SA 8000 sind Basis für viele gängige social labels und corporate social programms.

Die Schwerpunkte Kinderarbeit, Zwangsarbeit, Gesundheit und Arbeitssicherheit, Vereinigungsfreiheit, Diskriminierung, Disziplinarmaßnahmen, Arbeitszeiten, Entlohnung müssen in einem Managementsystem abgebildet sein und die typischen Anforderungen wie Management review, Durchführung von internen Audits, Betrachtung im KVP, erfüllen. Zusätzlich sind die Auswahl, Bewertung und Entwicklung der Lieferanten unter diesen Gesichtspunkten und die Wahl einer SA 8000-Vertrauensperson durch die Mitarbeiter ein Muß.
Die SA 8000 ist sehr gut mit ISO 9001 oder BS OHSAS 18001 kombinierbar, aber auch gut mit branchenspezifischen Standards wie bspw. ISO 22000, FSSC 22000 verbindbar.
Derzeit sind weltweit 3.254 Unternehmen zertifiziert, davon nur 2 Unternehmen in Österreich; von den 137 zertifizierten Lebensmittelverarbeitern 1 Unternehmen in Österreich: RAUCH Fruchtsäfte (Quelle homepage SAAS, 31.12.2013)

 

ISO 26000

Die ISO 26000 gilt als der Leitfaden für CSR-basierte Managementsysteme. Wie der Name schon sagt, ist diese Norm ein Leitfaden und NICHT zertifizierbar. Unternehmen können sich mit diesem Leitfaden ein sehr umfangreiches Bild über die verschiedensten CSR-Aspekte machen und sich Anregungen für ihr CSR-Gesamtkonzept / Denkmodell als Leitfaden holen.

 

ONR 192500 „Gesellschaftliche Verantwortung von Organisationen (CSR)“

Die ONR 192500 ist die österreichische zertifizierbare Antwort auf die ISO 26000. Das bedeutet, die Inhalte der ISO 26000 wurden vom „CSR Normungskomitee“ in eine zertifizierbare Vorgabe für die Anforderungen österreichischer Unternehmen abgeleitet und weiter entwickelt. Es werden alle 3 CSR-Säulen berücksichtigt.
Die wesentlichen Inhalte eines Managementsystems stellen das Rückgrat dieser Norm dar: Führung – Planung – Unterstützung – Tätigkeiten –Leistungsbewertung – Verbesserung; es wird von folgenden Eckpunkten „gestützt“:
Dialog mit internen und externen Interessens- und Anspruchsgruppen
Transparenz und Rechenschaftspflicht
Ethische und moralische Prinzipen einer Gesellschaft
Rechtsstaatlichkeit und internationale Verhaltensstandards
Prinzip der Nachhaltigkeit (Ökonomie, Gesellschaft/Soziales, Umwelt)
Internationale Menschenrechte
Basis einer lernenden Organisation

Der Nachweis, dass eine Organisation ein über den gesetzlichen Mindestanforderungen liegendes Niveau erzielt, ist im Grunde genommen die Voraussetzung zur externen Bewertung.

Die operativen CSR-Aspekte – die Kernthemen der ISO 26000 mit den verbundenen Handlungsfeldern - sind als normative Anforderungen im Anhang abgebildet. Sie sind in MUSS und SOLL Regelungen untergliedert:

  • Unternehmensführung
  • Menschenrechte
  • Arbeitsbedingungen
  • Die Umwelt
  • Faire Handlungsweisen und Geschäftspraktiken
  • Konsumentenbelange
  • Regionale Einbindung und Entwicklung des Umfeldes

Das Unternehmen muss für sich nachvollziehbar entscheiden, welche Kernthemen relevant sind, wie die enthaltenen Forderungen realisiert werden (Wesentlichkeitsanalyse). Im Rahmen der Zertifizierung werden Plausibilitätsprüfungen durchgeführt.
Die ONR 192500 läßt sich sehr gut in bestehende Managementsysteme auf Basis der ISO 9001, ISO 14001 oder OHSAS 18001 integrieren.
Da dieser Standard sehr jung ist, hat die Zeritifizierung erst begonnen. Derzeit sind ca. 10 Unternehmen in Österreich zertifiziert, mehrere sind dabei.

 

SR 10

Die SR 10 wurde ähnlich wie die ONR 192500 auf Basis der ISO 26000 als zertifizierbarer Standard von der IQNET entwickelt. Der Managementsystemansatz steht im Vordergrund. Systematische Aktivitäten/Programme/Konzepte zu den einzelnen Kernelementen der ISO 26000 sind gefordert.
Die SR 10 läßt sich wie die ONR 192500 sehr gut in bestehende Managementsysteme auf Basis der ISO 9001, ISO 14001, OHSAS 18001 integrieren. Die gleichzeitige Validierung des Nachhaltigkeitsberichtes nach GRI 4.0 bietet sich beinahe als „me too“ an. Zertifizierte Unternehmen in AT: derzeit keine, einige Unternehmen sind im Prozess

 

Nachhaltigkeitsberichte nach GRI (www.globalreporting.org)

Die Global Reporting Initiative (GRI) stellt einen praxisorientierten Rahmen für die Nachhaltigkeitsberichterstattung zur Verfügung, der von allen Organisationen, unabhängig von Größe, Branche oder Standort, weltweit genutzt werden kann. Dieser gliedert sich in die Bereiche Unternehmensorganisation, Ökologische Leistungsindikatoren, Ökonomische Leistungsindikatoren, Gesellschaftliche Leistungsindikatoren mit vielen Untergruppen wie bspw. Produktverantwortung, Arbeitspraktiken, Menschenrechte etc.
Ein Nachhaltigkeitsbericht spiegelt die individuellen Beiträge des Unternehmens zur gesellschaftlichen Verantwortung anhand von Zahlen, Daten und Fakten zu wichtigen Themen / Programmen und Projekten wieder.
Es kann zu allen 3 CSR Säulen vom Unternehmen berichtet werden. Neben interessanten Projekten und Aktivitäten sollten auch Ziele, Potentiale und Zukunftsperspektiven aufgezeigt werden.

Der glaubwürdigkeitshalber lassen Unternehmen ihre Berichte einer externen unabhängigen Plausibilitätsprüfung (Validierung) unterziehen.
Nachhaltigkeitsberichte, die sich nach GRI orientieren, sind in Österreich noch in der Minderzahl.

 

Audit Beruf und Familie (www.familieundberuf.at)

Die Vereinbarkeit familiärer Betreuungsaufgaben und Erwerbstätigkeit ist europaweit eine gesellschaftspolitische Herausforderung. Das Audit ist ein zukunftsorientiertes Programm zur Einführung und Umsetzung familienfreundlicher Maßnahmen, das individuell auf die Bedürfnisse der beteiligten Personen eingeht. Die Umsetzung und Abwicklung des Prozesses wird von externen Begleiterinnen unterstützt und von Zertifizierungsstellen geprüft. Nach erfolgter positiver Begutachtung wird vom BM f. WFJ ein staatliches Gütezeichen verliehen und die Förderungen zur Verfügung gestellt.

Der Themenbogen zur Erarbeitung der wesentlichen Aktivitäten und Maßnahmen spannt sich von Arbeitsort und -zeit über Kommunikation – Arbeitsabläufe –Führung – Personalentwicklung – bis zu Service für Familien, Berufsrückkehr und Gesundheitsfördernde Maßnahmen, Pflege.
Die Inhalte beziehen sich schwerpunktmäßig auf die CSR Säule „Soziales“  Hier sind nur geringe Synergien mit den bekannten Systemmanagement-Werkzeugen möglich. In der Gesamtbetrachtung des Unternehmens ist die gesellschaftliche Verantwortung für die eigenen Mitarbeiter jedoch ein wichtiger Handlungsbereich.

 

SEDEX Supplier Ethical Data Exchange

Ziel dieser in London ansässigen Institution ist die kontinuierliche Verbesserung der ethischen Leistung in der Supply chain. Die Registrierung der Selbsterklärung in der Datenbank wird durch Vor-Ort Audits auf Plausibilität geprüft (SMETA Sedex Members Ethical Trade Audit). Die Schwerpunktthemen sind Arbeitsbedingungen und Umweltaspekte.
Auch hier ist wieder eine gute Kombination mit ISO 9001, ISO 14001 und OHSAS 18001 möglich.

 

UN Global compact - Selbsterklärung und eigenverantwortliche Fortschrittsberichte

Der UN Global Compact ist in erster Linie eine werteorientierte Plattform mit dem Ziel, institutionelles Lernen zu fördern. Den inhaltlichen Kern des Global Compact bilden zehn Prinzipien zu Menschenrechten, Arbeitsnormen, Umweltschutz und Korruptionsbekämpfung. Die Mitglieder unterzeichnen eine Selbsterklärung hierzu und erstellen eigenverantwortliche Fortschrittsberichte. UN-Global Compact Fortschrittsberichte werden gerne mit GRI Nachhaltigkeitsberichten kombiniert. www.unglobalcompact.org 

 

Fazit

In der täglichen Praxis ist es nicht immer möglich, sich den passendsten CSR-Standard auszusuchen, da auch hier innerhalb der Lieferkette unterschiedliche Erwartungshaltungen und Vorgaben gelebte Praxis sind. Es empfiehlt sich jedoch, ein mittelfristiges CSR-Konzept (CSR-Landkarte), zu erarbeiten und in praxistauglichen Schritten umzusetzen. Die bestehenden Zertifizierungen liefern hierzu gute Grundlagen und sollten unbedingt mit den CSR-Aktivitäten integriert werden.

Das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung ist es, dass „die gegenwärtige Generation ihre Bedürfnisse befriedigt, ohne die Fähigkeit der zukünftigen Generation zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse befriedigen zu können.“
Produzierende Unternehmen als auch Dienstleister tragen im Sinne des schonenden Umgangs mit unseren Ressourcen in vieler Hinsicht besondere Verantwortung innerhalb unserer Gesellschaft zur Zukunfts-Sicherung.

Der Ruf eines Unternehmens an seinem Standort, sein Image als Arbeitgeber und Produzent und auch als Akteur der lokalen und internationalen Szene beeinflusst mit Sicherheit seine Wettbewerbsfähigkeit.

Ansprechpartner

Team

Herr DI Axel Dick, MSc

Prokurist Business Development Umwelt und Energie, CSR

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