03. Nov 2020

Virtuelles qualityaustria FutureLAB

Qualität „wie neu“ – Refurbishing und Remanufacturing als Produktion der Zukunft

Das qualityaustria FutureLAB am 13. Oktober 2020 fand erstmals online statt und wurde zum 3. Mal vom qualityaustria Stiftungsinstitut für Integrierte Qualitätsgestaltung (IQD) an der Johannes Kepler Universität Linz (JKU) ausgerichtet. In diesem FutureLAB diskutierten die Teilnehmer zum Thema "Qualität „wie neu“?: Refurbishing als Produktion der Zukunft".

Der Workshop behandelte die professionelle Aufbereitung (Refurbishing) und Wiederherstellung (Remanufacturing) von Produkten im Kontext einer Circular Economy.

Prof. Dr. Erik Hansen, Leiter des IQD und DI Michael Lucyshyn, Netzwerkpartner der Quality Austria - Trainings, Zertifizierungs und Begutachtungs GmbH, begrüßten die gut 20 Teilnehmer erstmals online. Die Teilnehmerschaft war aufgrund der einfacheren Zugänglichkeit internationaler geprägt mit Teilnehmern aus Österreich, Deutschland und der Schweiz. Eine bunte Mischung aus Industrie, Verbänden und der (Nachwuchs-) Wissenschaft teilte ihr Wissen zu Refurbishing-Prozessen von Konsum- und Anlagegütern in einer engagierten Diskussion.

Geballtes Experten Know-How

Als Special-Guest wurde Prof. Dr. h.c. mult. Walter Stahel vom Product-Life Institute in Genf begrüßt. Herr Stahel ist einer der Vordenker der aktuell vielfach diskutierten Circular Economy. In seinen Arbeiten steht die Lebensdauerverlängerung von Produkten in geschlossenen Kreisläufen durch ein sog. „Self-Replenishing System“ im Vordergrund, insbesondere mit der professionellen Aufbereitung durch Refurbishing und Remanufacturing. In seiner kurzen Begrüßung gab Herr Stahel Einblicke in seine langjährige Arbeit durch ein „Verkaufsgespräch für Remanufacturing“, in dem er darauf hinwies, dass dies Zeit, Geld, Ressourcen einspart sowie Emissionen vermindert. Anschauliche Beispiele verdeutlichen dies. Durch ein Remanufacturing einer Boeing 747 oder einem ICE der Deutschen Bahn konnten zwischen 50-88% der Kosten eingespart werden.

In der operativen Umsetzung von Refurbishing-Prozessen und damit verbundener Dienstleistungen in einer Circular Economy müssen Unternehmen neue Prozesse und Infrastrukturen aufbauen. Herr Ferdinand Revellio, Doktorand am IQD gab hierzu Einblicke in verschiedene organisatorische Optionen zur Implementierung von Refurbishing/Remanufacturing und damit verbundenen Dienstleistungen mit dem Bezug auf die klassischen Frage von „Make or Buy?“: Sollen eigene Kompetenzen für zirkuläre Dienstleistungen aufgebaut werden („Make“), strategische Partnerschaften geschlossen werden („Ally“), eine Outsourcing-Lösung realisiert werden („Buy“), oder die Refurbishing-Potentiale unkoordiniert autonomen Akteuren im Markt überlassen werden („Laissez-Faire“)? Aus dieser strategischen Fragestellung ergeben sich insgesamt vier neue Wertschöpfungsarchitekturen (und damit verbundene Positionsveränderungen im Wertschöpfungskreislauf), wie Refurbishing abgebildet werden kann. Jede Option unterscheidet sich hinsichtlich ihres Beitrags zur Differenzierung im Wettbewerb und den Lerneffekten und Innovationspotentialen die aus den Refurbishment-Aktivitäten herausgezogen werden können.

Wertvolle Impulse aus der Praxis

In zwei Praxis-Impulsen erhielten die Teilnehmer dementsprechend direkte Einblicke in Hersteller-unabhängige sowie Hersteller-interne Refurbishing- und Remanufacturing Prozesse. Herr Fabio Paini von der AfB gGmbH Niederlassung Klagenfurt gab eine digitale Führung durch die ausgefeilten Aufbereitungsschritte von Elektronikprodukten, insbesondere ausgemusterter Konzern-IT. Dabei verwies er auf die Herausforderungen als Hersteller-unabhängiger Refurbisher aufgrund von geschlossenen Produktdesigns. Dadurch lohne sich die professionelle Aufbereitung von IT-Produkten nicht für alle noch funktionsfähigen Geräte.

Im Anschluss gab Herr Thomas Kitzler von der Rosenbauer International AG, einer der internationalen Marktführer für Löschfahrzeuge, Einblicke in die hauseigene Aufarbeitung von Löschfahrzeugen. Die Prozesse zur Eingangsprüfung, Demontage bis auf Komponentenebene, Wiederaufbereitung von Teilen und Funktionen, technologisches Upgrading (z. B. neueste Anforderungen an Lichtanlagen), Qualitätsprüfung und Re-Montage zeigten eindrücklich wie bestehende Komponenten und Materialien durch die hohe Expertise und Erfahrung der produktionsnahen Mitarbeiter wieder in Produkte mit „Qualität wie neu“ transformiert werden. Dabei bleiben die Fahrzeuge üblicherweise im Kundenbesitz und erhalten für ca. 50% der Kosten eines Neufahrzeuges ein Upgrade auf den neusten Stand. Ein weiterer Vorteil: Dies spart kostbare Trainingszeiten, da die Feuerwehrleute ihr gewohntes Fahrzeug behalten.

Aktuelles aus Normung und Gesetzgebung

Herr Dr. Jens Giegerich, Nachwuchspreisträger der DIN 2019 gab in seinem Vortrag aktuelle Einblicke in die Normung und Gesetzgebung für eine Circular Economy. Mit dem Normungsmandat M/543 basierend auf der Ökodesign-Richtlinie 2009/125/EG soll auf eine Verlängerung der Produktlebensdauer abgezielt werden, zunächst für energieverbrauchsrelevante Produkte. Anders als bei bisherigen Ökodesign-Richtlinien mit einem Energieeffizienz-Fokus, verlangt die Normung zur Materialeffizienz neben Produkt-bezogenen auch Service-bezogene Kriterien. Denn Materialeffizienzpotentiale müssen über den gesamten Lebenszyklus aktiv gehoben werden, z. B. durch passende After-Sales Services. Herr Giegerich ging außerdem auf entsprechende Zielkonflikte ein. Beispielsweise zwischen einer möglichst hohen Durability (Langlebigkeit bezogen auf die gesamte Lebensdauer) und einer günstigen Reparaturfähigkeit. Denn ein funktionsbeständiges Design im Sinne der Durability kann dem Prinzip einfacher Reparaturen widersprechen, bspw. mit geschlossenen Bauformen bei Smartphones. Weitere Normungsaktivitäten auf internationaler Ebene finden derzeit in der Arbeitsgruppe ISO TC323 statt. Ein Ausblick auf die zukünftige Gesetzgebung in unterschiedlichen EU-Staaten zeigte am Beispiel Frankreich, dass eine Reparaturfähigkeitskennzeichnung für Pilotprodukte ab 2021 geplant ist.

In der abschließenden Diskussion wurde insbesondere auf zukünftige Kompetenzen und den damit verbundenem Fachkräftemangel im Refurbishing hingewiesen. Aufgrund der aktuellen Alterspyramide gehen wichtige Kompetenzen in der Reparatur und Aufbereitung von Konsum- und Anlagegütern zukünftig verloren. Erfolgreiche Wertschöpfungsarchitekturen bauen daher eigene Kompetenzen als Differenzierungsfaktor auf, so bspw. Rosenbauer in internen Schulungsprogrammen. Es zeigt sich aber auch, dass neue Berufsbilder und Ausbildungen für die erfolgreiche Umsetzung einer Circular Economy notwendig sind. Bereits in den 70er Jahren verwies Prof. Stahel in seiner wegweisenden Studie „Substituting Manpower for Energy“ auf diesen Umstand. Im Grundsatz müsste hierfür der Ressourcenverbrauch besteuert werden und Löhne entlastet werden, wie es das in Europa bekannt gewordene Steuer-Programm „Ex-Tax“ fordert.

Autoren

Ferdinand Revellio, MSc

Projektleiter Elektronik, Institute for Integrated Quality Design (IQD),
Johannes Kepler
Universität (JKU)

E-Mail

Univ.-Prof. Dr. Erik G. Hansen

Institutsvorstand, Institute for Integrated Quality Design (IQD), JKU

E-Mail

Mehr zu Wiederaufbereitung und „Qualität wie Neu“ finden Sie auch im neuen qualityaustria Whitepaper
„Circular Economy erfolgreich umsetzen“

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